banner.gif

Marien-Apotheke

  • Apothekerin Nicole Weissenberg e.Kfr.
  • Altmarkt 1
  • 45894 Gelsenkirchen

Brustkrebs beim Mann

Selten, aber möglich und gefährlich: Ein Knoten in der Brust kann auch bei Männern auf einen Tumor hinweisen. Ein Mann berichtet von seiner Erkrankung
von Sonja Gibis, 14.08.2017

Zwischen allen Stühlen: An Brustkrebs erkrankte Männer haben eine Außenseiterrolle

W&B/Henning Ross

Zur Mammografie? Hartmut R. aus Löhne denkt erst einmal an einen Scherz, als die Radiologin eine Röntgenaufnahme seiner Brust anordnet. Das macht man doch sonst nur bei Frauen. An ein Versehen denken auch die Mitarbeiter des Screening-Zentrums, als sich der große, kräftige Mann zur Brust-Biopsie anmelden will. Doch es ist kein Irrtum. "Sie haben Brustkrebs", teilt der Hausarzt Herrn R. schließlich mit.

Jährlich erkranken in Deutschland mehr als 70.000 Menschen an Brustkrebs. Etwa jeder Hundertste ist ein Mann. Früh erkannt, ist die Heilungschance auch bei männlichen Patienten sehr gut. Doch wird der Tumor häufig spät entdeckt. Denn: Wer denkt bei ­einem Mann schon an Brustkrebs?

Der Hausarzt vermutete eine Entzündung

Bei Herrn R. jedenfalls niemand. Als er sich beim Sonnenbaden auf den Bauch drehte, fühlte er in der rechten Brust plötzlich einen Druck. Der Hausarzt vermutete eine Entzündung, verschrieb ein Antibiotikum. Der Druck blieb. "Alles in Ordnung", versicherte der Arzt. Selbst dann noch, als R. am Bade­see schon ein Handtuch um den Hals trug, um die dicker gewordene Brust zu verdecken.

Schmerzen hatte er nicht. Bis er bei seiner Arbeit als Nachrichtentechniker mit der rechten Seite gegen einen Türrahmen prallte. "Es hat mir die Tränen in die Augen getrieben", erzählt R. Diesmal wollte er Klarheit. Auf sein Drängen erhielt er eine Überweisung zum Radiologen – vier Jahre nach den ersten Beschwerden.

Ein Mann mit Brustkrebs – wie ist das möglich? "Auch Männer haben rudimentäres Drüsengewebe", erklärt Dr. Rachel Würstlein vom Brustzentrum des Klinikums der Universität München.

Dr. Rachel Würstlein

W&B/Andre Kirsch

Erhöhtes Risiko bei Fällen in der Familie

Im Blut jedes Mannes findet sich zudem Östrogen. Das weibliche Geschlechts­­hormon ist am Entstehen vieler Brusttumore beteiligt, bei Männern besonders häufig. Öfter als bei Frauen spielt zudem die genetische Belastung eine Rolle. Sind in einer Familie bereits mehrere Frauen erkrankt, bedeutet das auch für die männlichen Mitglieder ein erhöhtes Risiko. "Lässt sich in der Brust ein Knoten ertasten, wirkt die Warze eingezogen oder gibt sie Flüssigkeit ab, muss das ab­geklärt werden – auch bei einem Mann", betont Würstlein.

Für die Patienten bedeutet die Dia­gnose aber nicht nur, dass sie plötzlich gegen den lebensbedrohlichen Krebs kämpfen. "Es gibt viele zusätz­liche Stolpersteine", weiß R. Die Tatsache, an einer typischen Frauenkrankheit zu leiden, ist für viele ein harter Brocken. Auch der Mann aus Löhne begann zu grübeln: Stimmt was nicht mit mir? "Wir wussten ja schon immer, dass du ein Weichei bist." Solche Kommentare blieben nicht aus. "Ein Kollege nennt mich noch heute Frau R.", erzählt der 61-Jährige. Er nimmt es gelassen.

Bei der Behandlung sind Männer Außenseiter

Nicht alle Betroffenen reagieren so souverän. "Manche verschweigen ihre Krankheit", weiß Sarah Halbach von der Forschungsstelle für Gesundheitskommunikation und Versorgungsforschung der Universitätsklinik Bonn. Dort läuft derzeit "N-Male". Diese Studie soll erstmals die Bedürfnisse männlicher Brustkrebs-Patienten erfassen. "Viele haben bei der Diagnose nicht mal davon gehört, dass es die Erkrankung bei Männern gibt", sagt Halbach. Sie schämen sich, sind verunsichert.

Hinzu kommen praktische Probleme. Etwa bei der Suche nach dem zustän­­digen Facharzt. Der Experte für Brustkrebs ist der Frauenarzt. Doch ein Mann in der gynäkologischen Praxis, das war lange nicht vorgesehen. Für die Behandlung gab es daher von der Krankenkasse kein Geld. In R.s Fall weigerten sich die Gynäkologen vor Ort, die Betreuung zu übernehmen.

Teilnahme an Studien möglich

"Die Situation hat sich aber deutlich verbessert", versichert Brustkrebsexpertin Würstlein, deren Klinik sich ebenfalls an N-Male beteiligt. So werden die Behandlungskosten von Männern in Frauenarzt-Praxen inzwischen erstattet. Seit einigen Jahren sind männliche Patienten zudem in Brustkrebs-Studien zugelassen. Das heißt: Der medizinische Fortschritt erreicht sie nicht mehr mit Verzögerung.

Studien, die ausschließlich Männer untersuchen, gibt es dagegen noch kaum. "Die Behandlung erfolgt analog zur Frau", sagt Würstlein. Wie man von anderen Erkrankungen weiß, ist das nicht immer optimal. Normalerweise ist es umgekehrt: Bei vielen Krankheiten ist die Therapie der Frau kaum erforscht.

Auch Männer werden im Brustzentrum behandelt

Als Brustkrebs-Patient kommt man dagegen in eine Welt, die völlig auf Frauen eingestellt ist – von der psychoonko­logischen Unterstützung bis zur Reha. Die medizinische Therapie erfolgt im Brustzentrum, auch für Männer.

"Frau R., bitte!" Mit der Zeit gewöhnte sich Hartmut R. daran, so aufgerufen zu werden. "Am Ende habe ich mich im Brustzentrum recht heimisch gefühlt." Was zählte, war allein der Kampf gegen den Krebs.

Intensive Therapie

Obwohl der Tumor viereinhalb Zentimeter groß war, hatte er noch keine Absiedlungen gebildet. Es gab also eine Chance auf Heilung. Als R. nach der OP in den Spiegel blickte, sah er statt seiner rechten Brust eine tiefe Kuhle. Quer darüber eine 30 Zentimeter lange Narbe. Zudem schwoll der rechte Arm stark an. 40 Lymphknoten waren entfernt worden. Es folgte eine aggressive Chemotherapie.

R. ist ein Kämpfer, einer, der selbst bei einem gebrochenen Arm sagt: "Ach, nur ein Kratzer." Nach drei Infusionen gestand er seiner Frau: "Ich kann nicht mehr." Sie munterte ihn auf: "Ach was. Das schaffst du locker!"

Selbsthilfegruppe für betroffene Männer

Er schaffte es. Heute liegt die Diagnose fünf Jahre zurück. Der Krebs kehrte nicht zurück. R. arbeitet wieder Vollzeit, geht angeln und Kanu fahren. Doch es blieben Spuren. So ist der rechte Arm noch immer stark geschwollen. Dreimal pro Woche steht Lymphdrainage an. Auch um diese zu erhalten, musste er Stolpersteine überwinden.

Um anderen Betroffenen zu helfen, engagiert sich R. in einer Selbst­­hilfegruppe. Denn Männer mit Brustkrebs sind kein Irrtum, obwohl ihnen das Gefühl gegeben wird. Etwa wenn R. ein Rezept für Arzneien holt, die sonst Frauen erhalten. Dann meldet der Computer jedes Mal: "Fehler!"

Hilfe für Patienten
Informationen finden Betroffene beim "Netzwerk Männer mit Brustkrebs e. V.", www.brustkrebs-beim-mann.de. Kontakt erhalten sie auch über den Vereinsvorsitzenden Peter Jurmeister, Telefon 0 72 32/7 94 63.



Bildnachweis: W&B/Henning Ross, W&B/Andre Kirsch

Lesen Sie auch:

Ultraschalluntersuchung

Brustkrebs auf der Spur im Video »

Die Diagnose Mammakarzinom ist ein Schock. Im Video schildert eine Betroffene, was ihr vor und nach einer brusterhaltenden Operation geholfen hat »

Newsletter abonnieren

Hier können Sie unseren kostenlosen Newsletter abonnieren »

Krankheits-Ratgeber zum Thema

Brustkrebs

Brustkrebs (Mammakarzinom): Überblick

Brustkrebs, die häufigste Krebserkrankung der Frau, entsteht in der Brustdrüse. Informationen über Risikofaktoren, Krebsvorstufen, Diagnose und aktuelle Therapien »

Haben Sie Schlafprobleme?

© Wort & Bild Verlag Konradshöhe GmbH & Co. KG

Weitere Online-Angebote des Wort & Bild Verlages