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Warum wir im Urlaub krank werden

Hotelbett statt Liegestuhl: Ausgerechnet dann, wenn Entspannung angesagt ist, werden wir krank. Welche Rolle Stress dabei spielt und wie man vorbeugen kann
von Anne Wüstmann, 13.06.2016

Urlaubsbeginn: Mit der Entspannung kommt die "dicke" Nase

Fotolia/cunaplus

Voller Vorfreude auf zwei Wochen Urlaub im Hotel eingecheckt, da kratzt es plötzlich im Hals. Am Abend beginnen die Glieder zu schmerzen, der Kopf hämmert, und noch bevor der Urlaub richtig beginnt, fesselt einen ein Infekt für die ersten Tage ans Bett. Dabei hat man den Stress doch hinter sich gelassen und könnte jetzt entspannen. Laut dem Urlaubsreport 2015 der Krankenkasse DAK war fast jeder 15. in seinem Sommerurlaub krank oder verletzt, 44 Prozent von ihnen litten unter einer Erkältung.

Der Stressforscher Professor Dirk Hellhammer von der Universität in Trier beschreibt die typischen Beschwerden wie Infektanfälligkeit, Erschöpfung, Schmerzen oder Wochenendmigräne als "Poststress-Symptome".

Risiko am höchsten bei sehr Gestressten

Seinen neuesten Untersuchungen zufolge sind immer die gleichen Menschen davon betroffen: besonders gestresste, die die Erholung am nötigsten hätten. In seiner Studie war ihr Risiko, im Urlaub krank zu werden, viermal höher als bei Nicht-Gestressten. Doch warum gerät unsere Abwehr in Entspannungsphasen immer wieder in Schieflage? Nerven- und Immunsystem sind eng miteinander verbunden, jede Stressreaktion beeinflusst auch das Immunsystem.

Man unterscheidet zwei Immunantworten auf Stress. Die eine greift bei akuter Belastung, die andere setzt bei dauerhaftem, chronischem Stress ein. Im ersten Fall werden innerhalb von Sekunden die Botenstoffe Adrenalin und Noradrenalin ausgeschüttet. Das trägt dazu bei, dass die Immunabwehr gegen Viren und Bakterien verstärkt wird, um den Organismus schnell vor neuen Infekten zu schützen. Etwas verzögert schüttet die Nebennierenrinde Kortisol ins Blut aus, das die Immunreaktion wieder dämpft.

Bei chronischem Stress hingegen ist der Kortisolspiegel dauerhaft erhöht. Die allgemeine Immunabwehr ist dadurch abgeschwächt. Kommt es zu einer Infektion, reagiert der Organismus zwar auch in dieser Situation mit einer Immunantwort, die genau auf den Erreger zugeschnitten ist. Weil das Kortisol aber gleichzeitig allgemein dämpfend wirkt, können zum Beispiel Erkältungs-Symptome als Folge einer Virusinfektion in einer Stressphase zunächst ausbleiben.

Zeitliche Verzögerung der Immunreaktion

Dies könnte erklären, weshalb Menschen, die im Beruf ständig unter einer sehr hohen Anspannung stehen, erst dann krank werden, wenn sie sich entspannen – und der Kortisolspiegel allmählich wieder sinkt.

Auch Professor Joachim Bauer, Neurobiologe am Universitätsklinikum in Freiburg, geht nach langjähriger Forschung zu diesem Thema von einer zeitlichen Verzögerung der Immunreaktion aus: "Es ist typisch, dass pflichtbewusste Menschen, die lange unter hohem Leistungsdruck stehen, erst dann Fieber bekommen, wenn der äußere Druck plötzlich nachlässt." Das habe auch seinen Sinn, findet Bauer: "Aus immunologischer Sicht ist es keine schlechte Sache, wenn Menschen etwa alle zwei Jahre einen fieberhaften Infekt austragen – natürlich nur, wenn das Fieber nicht zu hoch ansteigt."

Dirk Hellhammer zufolge spielt neben Kortisol – vor allem bei Jobstress –auch Noradrenalin eine wichtige Rolle in diesem Kreislauf: "Eine hohe Arbeitsbelastung verbraucht tagsüber so viel Noradrenalin, dass in Entspannungsphasen wie Feierabend, Wochenende oder Ähnlichem die normale Versorgung mit diesem Botenstoff nicht mehr erreicht werden kann. Der Mangel führt zu Funktionsstörungen im Nerven- und Immunsystem."

Belastungsgrenze erkennen und Notbremse ziehen

Es trifft vor allem Menschen, die viel Arbeit in kurzer Zeit erledigen müssen, die viel Verantwortung tragen oder im Beruf großen emotionalen Belastungen ausgesetzt sind: Freiberufler, Manager und Führungskräfte, aber auch Schichtdienst-Angestellte, wie Ärzte oder Pflegepersonal. "Einnicken am Abend – etwa vor dem Fernseher –, Müdigkeit, Antriebslosigkeit oder Reizbarkeit können erste Warnzeichen sein, dass man sich zu viel zumutet und Poststress-Symptome entwickelt", erläutert Hellhammer.

Laut einer Umfrage der Bundesanstalt für Arbeit fällt bei 46 Prozent der Menschen mit gefühlsmäßig belastenden Jobs die Pause ganz aus – gerade bei denen, die sie so dringend brauchen würden. Sie sollten die eigenen Belastungsgrenzen erkennen und rechtzeitig die Notbremse ziehen. "Erfahrungsgemäß helfen frühzeitige Gespräche mit Vorgesetzten, Mitarbeitern und Angehörigen sowie ein besseres Zeit- und Pausenmanagement", rät Hellhammer.

Stresskiller Bewegung

Erst im Urlaub mit der Entspannung zu beginnen ist zu spät. Versuchen Sie, kleine Einheiten als fixe Termine in Ihren Alltag einzubauen. Der einfachste Stresskiller ist Bewegung: Schon wer mindestens dreimal pro Woche 30 Minuten stramm spazieren geht, verringert seinen Stress merklich – nutzen Sie Ihre Mittagspause dafür. Wer die totale Entspannung sucht, testet autogenes Training, progressive Muskelentspannung oder Meditation. Auch sanfte Techniken wie Yin- oder Kundylini-Yoga sowie Tai-Chi oder Qigong entspannen Geist und Körper und lassen Sie den Alltag für 60 oder 90 Minuten vergessen. Für welche Methode Sie sich auch entscheiden: Dreimal wöchentlich sollten die Auszeiten zur Routine werden. Denn meist ist es gar nicht die Arbeit, die uns krank macht, sondern nur eine Arbeit ohne Pausen und bewusst geplante Erholungsmomente.



Bildnachweis: Fotolia/cunaplus

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